Am Donnerstag, den 2. August, war es deutlich auf den Straßen in Kapstadt zu spüren. Die Autobahnen in Kapstadt, wie die N2 oder M3, waren verstopft. Es war kein Durchkommen mehr. Die Tage danach waren geprägt von Krawallen und Unruhen in und um die Townships, von dem wir selber Zeugen wurden. Beruhigt sich die Lage nachhaltig?
Um die Situation zu verstehen, muss man wissen, welche Bedeutung die Sammel-Taxen in Südafrika haben. Für die einfache schwarze Bevölkerung sind die Taxen das schnelle und günstige Fortbewegungsmittel. Somit nutzen 70% der südafrikanischen Haushalte die Taxi-Minibusse, denn Autos kann sich hier definitiv nicht jeder leisten und so bleibt es ein Privileg der Mittel- und Oberschicht.
Sodom und Gomorra durch Taxen
Wer mit Taxen aber einen professionellen Fahrdienst verbindet, welcher sich an die Straßenregeln hält und die Sicherheit der Passagiere als oberstes Gebot sieht, der liegt falsch. In Südafrika sind die Dinge anders. Die Taxi-Fahrer geniessen auf den Straßen einen besonderen Status der „Narrenfreiheit“. Es wird die Vorfahrt genommen, es werden rote Ampeln überfahren, es werden Rückspiegel abgefahren oder Unfälle mit anderen Autos provoziert und in Kauf genommen. Letzteres ist natürlich tragisch, da in den letzten Jahren die meisten Unfälle durch Taxi-Minibussen provoziert wurden und Leute gestorben sind.
Das ist insofern tragisch, weil die Taxi-Fahrer oft nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Im Alltag kann es also wie folg aussehen: Wenn jemand auf den Straßen stirbt, brauchen Angehörige keine Hoffnung haben Gerechtigkeit durch die Polizei und Rechtsstaat zu erfahren. Das hat verschiedene Ursachen und Geld ist sicherlich eine davon. Spricht man mit Südafrikanern über die Taxen, ist die Antwort klar. Weg mit den Taxen! Ganz so einfach ist es aber nicht, denn die Taxen sind die Achillesferse der Wirtschaft. Menschen kommen damit zur Arbeit, oder, eben nicht.
Western Cape: Das Fass läuft über
Umso interessanter ist es, dass die Provinz Western Cape sich entschlossen hat, das Problem mit den Taxen anzugehen. Denn nicht zum ersten Mal gab es Konflikte mit den Taxen. Bereits in 2021 wurde offen ein Konflikt zwischen den führenden Taxen-Verbänden geführt, mit dem Ergebnis das Rund 83 Menschen sterben mussten. Die Bilanz für dieses Jahr ist (bisher) mit 5 Toten vergleichsweise glimpflich ausgefallen. Soviel zum Ergebnis des Konflikts.
Am 2. August 2023 beschlagnahmte die Stadt Kapstadt eine Reihe von Taxi-Minibussen am zentralen Taxistand im Stadtzentrum, weil sie gegen die nationale Verkehrsverordnung verstoßen hatten. Ein Verkehrsbeamter wurde daraufhin angegriffen, und es fielen Schüsse. Die Behörden reagierten mit Tränengas und Betäubungsgranaten. Der Abgeordnete für Sicherheit der Stadt, JP Smith, wies Vorwürfe zurück, dass die Polizei bei den Beschlagnahmungen brutal vorgegangen sei. Er erklärte weiterhin, dass sich die Stadt bei der Durchsetzung der nationalen Rechtsvorschriften nicht von gewalttätigen Elementen innerhalb des Minibus-Taxigewerbes einschüchtern lassen werde.
Angst und Schrecken
Die Bevölkerung wurde in den folgenden Tagen in Angst und Schrecken versetzt. Wie zum Nationalstreik und dem EFF sind abermals finstere Nachrichten über die sozialen Kanäle verbreitet worden. Warnungen wie diese: Es wird geschossen auf diejenigen, die mit dem PKW in Fahrgemeinschaften auf den Straßen unterwegs sind und damit als Gegner des Taxen-Verbandes eingestuft werden. Auch uns wurde nahegelegt, lieber zu Hause zu bleiben. Was wir aber nicht taten, da sich die Unruhen hauptsächlich in den Townships abspielten und zumindest hier in Masiphumelele, die Polizeipräsenz sehr hoch war.
In den letzten Tagen habe ich die Gelegenheit genutzt mit den Schwarzen zu sprechen. Für viele waren die letzten Tage im Township “Masi” der Horror. Sie konnten kein Geld verdienen, weil sie nicht zur Arbeit mit dem Taxi konnten und das Township verlassen durften. Diejenigen die es trotzdem wagten, mussten um ihr Leben fürchten und wurden zum politischen Spielball.
Es wurden die Ausfahrtsstraßen der Townships mit Autoreifen in Brand gesetzt. Und so hätte man auch von einem „zeitweisen Lockdown“ für die schwarze Bevölkerung sprechen können. Auf uns hatte die Situation aber wenig Einfluss. Wir haben über andere Eltern versucht zu klären, wie die Gefahr für uns einzustufen ist.
Wer steckt hinter dem Konflikt?
Am Abend des 10. August wurde die erlösende Nachricht durch den Bürgermeister Geordin Hill-Lewis verkündet, dass die Stadt Kapstadt und die Vereinigung SANTACO dem Konflikt beilegen. Mit folgender Botschaft: „In Kapstadt gelten die Gesetze dieses Landes für alle gleichermaßen, und Gewalt wird dieser Regierung kein einziges Zugeständnis abringen.“ Seitdem ist es nun wieder ruhiger.
Je mehr man mit den Menschen hier spricht, stellt man sich auch die Frage, wie es zu so einem Konflikt kommen kann. Viel wichtiger: Wer steckt dahinter? Interessant fand ich den Gedanken, dass die regierende Volkspartei ANC dahinter stecken könnte.
Denn in den vergangenen 17 Jahren hat der ANC das Land sprichwörtlich in den Abgrund gewirtschaftet. Es hat sich wenig bis gar nichts verbessert. Eine Ausnahme ist da das Western Cape, indem die konkurrierende Partei DA regiert. Was läge also näher, künstlich solche Konflikte in dieser Region anzufeuern?
Sehr interessant, danke für die Analyse! Scheinen ja teils richtig kartellähnliche Strukturen zu sein. In anderen Ländern gibt es diese probleme ja auch, gerade was quasi-monopole auf Lizenzen angeht (zB in London). Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt, das war sicher noch nicht das letzte Kapitel..
Liebe Grüße!